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Faktencheck: Selenskyj: 100 Milliarden unterschlagen und zwei Millionen Soldaten getötet?

Faktencheck

Geprüft und aktualisiert am 22. Juli 2026

Kurzfazit

Die Behauptung ist unbelegt und bei den Opferzahlen falsch. Eine identifizierbare öffentliche US-Geheimdienstquelle für angeblich 100 Milliarden unterschlagene Hilfen wurde nicht gefunden. Der US-Rechnungshof dokumentiert zwar reale Kontrollschwächen bei direkter Budgethilfe, aber keinen Nachweis, dass Präsident Selenskyj diese Summe veruntreut habe. Die behaupteten zwei Millionen getöteten ukrainischen Soldaten beruhen offenbar auf einer Verwechslung: Eine CSIS-Analyse spricht von möglichen kombinierten Gesamtverlusten beider Kriegsparteien – einschließlich Toten, Verwundeten und Vermissten.

Was wird behauptet?

Eine Grafik bezeichnet Wolodymyr Selenskyj als „Verbrecher“ und behauptet unter Berufung auf einen nicht genannten US-Geheimdienst, er und sein „Regime“ hätten rund 100 Milliarden US-/EU-Hilfen unterschlagen. Gleichzeitig habe er etwa zwei Millionen ukrainische Soldaten in den Tod gezwungen.

Beide Aussagen sind schwerwiegend. Für eine belastbare Prüfung müssen Finanzkategorien, Aufsichtsberichte und Verlustbegriffe getrennt werden.

Die angebliche Geheimdienstquelle ist nicht identifizierbar

Die Grafik nennt weder eine US-Behörde noch einen Bericht, ein Datum, eine Dokumentnummer oder ein Originalzitat. Eine gezielte Suche nach der behaupteten Kombination ergab keine zitierfähige öffentliche Geheimdienstquelle.

Damit ist die Quellenzuschreibung nicht belegt. Das ist kein Beweis, dass niemals ein nicht öffentliches Dokument existiert haben kann. Es bedeutet aber, dass die konkrete Straftatbehauptung mit dem vorgelegten Material nicht nachprüfbar ist und nicht als Tatsache behandelt werden darf.

174 Milliarden bewilligt bedeutet nicht 174 Milliarden an Selenskyj

Nach Angaben des US-Rechnungshofs bewilligte der Kongress mehr als 174 Milliarden US-Dollar über verschiedene Teile der US-Bundesregierung als Reaktion auf den Krieg. Darunter fallen unterschiedliche Programme und Verwendungszwecke. Diese Gesamtsumme ist nicht identisch mit direkter Budgethilfe und erst recht nicht mit Bargeld unter persönlicher Kontrolle des ukrainischen Präsidenten.

GAO untersuchte insbesondere die direkte Budgethilfe. Rund 30,2 Milliarden US-Dollar wurden von USAID über Weltbank-Treuhandfonds bereitgestellt. Weitere 15 Milliarden stammen aus einem Darlehensmechanismus, der mit Erträgen aus immobilisierten russischen Staatsvermögen bedient werden soll.

Das PEACE-Projekt erstattet vorab definierte Ausgaben, etwa Gehälter im Schul-, Gesundheits- und nicht sicherheitsbezogenen Staatsbereich sowie bestimmte Sozialleistungen.

Kontrollschwächen sind real – aber kein Beweis für 100 Milliarden Diebstahl

GAO stellte Mängel fest: Detaillierte Daten wurden nicht regelmäßig ausgewertet, Berichte an den Kongress konnten unvollständig sein, und ukrainische interne Kontrollprozesse wiesen Schwachstellen auf. GAO fand in einer Stichprobe 161 ungewöhnliche Veränderungen unter 5.121 Ausgabenänderungen und empfahl weitere Prüfungen und stärkere Aufsicht.

Diese Befunde dürfen nicht kleingeredet werden. Sie belegen Risiken für Verschwendung, Betrug oder Missbrauch. Der Bericht sagt jedoch nicht, Selenskyj habe 100 Milliarden unterschlagen. Ein Kontrollrisiko oder ein auffälliger Datenpunkt ist noch kein Nachweis einer konkreten Straftat durch eine bestimmte Person.

Woher kommen die zwei Millionen?

Eine Analyse des Center for Strategic and International Studies vom Januar 2026 schätzt die kombinierten russischen und ukrainischen militärischen Gesamtverluste bis Ende 2025 auf bis zu 1,8 Millionen. Bei gleichbleibender Entwicklung könnten sie im Frühjahr 2026 zwei Millionen erreichen.

CSIS verwendet „casualties“ für Tote, Verwundete und Vermisste. Außerdem werden beide Kriegsparteien zusammengerechnet.

Für die Ukraine allein schätzt CSIS:

  • 500.000 bis 600.000 militärische Gesamtverluste;
  • darunter 100.000 bis 140.000 Tote.

Die Grafik macht aus möglichen kombinierten Gesamtverlusten beider Seiten zwei Millionen getötete ukrainische Soldaten. Das ist eine grundlegende Verwechslung von Personengruppe und statistischer Kategorie.

Fazit

Die behauptete US-Geheimdienstquelle für 100 Milliarden unterschlagene Hilfen ist nicht identifizierbar. Amtliche US-Aufsichtsberichte dokumentieren reale Kontrollprobleme, tragen aber nicht die Behauptung, Selenskyj habe eine solche Summe persönlich oder mit seiner Regierung veruntreut.

Die Zahl von zwei Millionen getöteten ukrainischen Soldaten ist falsch. Eine seriöse Analyse nennt zwei Millionen nur als mögliche kombinierte Gesamtverluste beider Seiten, einschließlich Verwundeter und Vermisster.

Die politische Bewertung des Kriegs und der ukrainischen Führung steht jedem frei. Sie darf aber nicht mit unbelegten Straftatvorwürfen und falsch umgedeuteten Verlustzahlen als Tatsachenbeleg ausgegeben werden.

Quellen

  1. United States Government Accountability Office: GAO-25-107057, Bericht zur Aufsicht über direkte Budgethilfe für die Ukraine. Amtliche Primärquelle.
    https://files.gao.gov/reports/GAO-25-107057/index.html

  2. Center for Strategic and International Studies: Seth G. Jones und Riley McCabe, „Russia’s Grinding War in Ukraine: Massive Losses and Tiny Gains for a Declining Power“, 27.01.2026. Methodisch erläuterte Schätzung militärischer Verluste.
    https://www.csis.org/analysis/russias-grinding-war-ukraine

  3. BSS/AFP: „Nearly 2 million military casualties in Ukraine war“, 28.01.2026. Ergänzende Sekundärquelle zur öffentlichen Rezeption der CSIS-Zahlen; sie dokumentiert ergänzend die öffentliche Rezeption, während für die Verlustzahlen die CSIS-Originalquelle maßgeblich bleibt.
    https://www.bssnews.net/international/355463